Mit dem Phänomen der Empathie-Lücke habe ich mich in “Die Empathie-Lücke schließen” befasst. Aus eigener Erfahrung als jemand, der häufig Gruppen anleitet und führt, kann ich sagen, dass das Thema für die Entwicklung meiner Führungsfähigkeit enorm wichtig war und ist. Empathie-Lücken bei Führungskräften haben einen gravierenden Einfluss auf die Qualität der Teamarbeit, das soziale Klima und die Motivation der Mitarbeiter.

  • Eine Empathie-Lücke wird oft mit Führungsstärke verwechselt.
    Eine Empathie-Lücke hat zur Folge, dass man die Gefühle und Bedürfnisse anderer Menschen unzureichend wahrnimmt. Dies führt zu einem “klar und entschieden” wirkendem Verhalten, dass tatsächlich jedoch schlicht egoistisch ist und auf Kosten anderer Menschen geht. Ein derartiges autokratisches Führungsverhalten ist in Gruppen und Teams, die langfristig erfolgreich zusammenarbeiten sollen fehlt am Platz.
  • Führungskräfte mit einer Empathie-Lücke scheinen oft erfolgreich
    Führungskräfte mit einer Empathie-Lücke haben wenig Bedenken und Hemmnisse, ihre eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen. Dies ist oft schneller und effizienter ist als eine Gruppen-Entscheidung, geht allerdings auf Kosten des sozialen Klimas. Hohe Mitarbeiterfluktuation und Krankenstände, schwelende Konflikte und Mobbing sind typische Symptome für derartige Führungsweisen.

  • Eine Empathie-Lücke lässt sich trefflich ausnutzen.
    Eine Empathie-Lücke bedeutet immer auch eine geringe Selbstwahrnehmung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Deshalb sind Führungskräfte bereit, über alle gesunden Grenzen hinaus zu arbeiten. Ihnen droht Überforderung bis hin zum Burn-Out. Solche Menschen lassen sich leicht (aus)nutzen und genießen dies auch noch – oder meinen, es zu genießen, bis ihr Körper ihnen sagt, dass Schluss ist. Die hohe Burn-Out-Rate bei Lehrern spricht hier Bände…
  • Eine Empathie-Lücke ist “unter Männern” normal
    Männer weisen im Durchschnitt eine größere Empathie-Lücke auf als Frauen, teils aufgrund ihrer genetischen/hormonellen Veranlagung, teils aufgrund ihrer männlichen Sozialisation. Aber auch Frauen werden sich dort wohl fühlen, wenn sie “männlich” zu führen gelernt haben.  Männer/Frauen mit hohen Empathie-Fähigkeiten werden solche Führungsstrukturen eher meiden, da sie sich dort nicht wohl fühlen. Empathie-schwache Führungskräfte bleiben also weitgehend unter sich, das korrigierende Feedback fehlt.
  • Empathie-Lücken bleiben (zu) lange unbemerkt
    Eine Empathie-Lücke bemerkt man nicht immer selbst, sondern meist durch Rückmeldung aus dem Umfeld – man sieht leichter den Splitter im Auge des anderen, als den eigenen Balken. Um Empathie-Lücken bei Führungskräften entdecken und weiterentwickeln zu können, bedarf es einer Organisationskultur die ehrliches Feedback fördert. Der Inhaber einer Zahnarztpraxis meinte mal zu mir: “Ich versteht gar nicht, warum es woanders so viele Probleme gibt – hier sag ich klar, wie der Laden läuft und alle kommen damit klar, oder?”. Wobei er seine Zahnarzthelferin ansah, die beflissen nickte. Sie sah mir allerdings nicht so aus, als ob sie ihrem Chef uneingeschränkt zustimmen wollte…

Empathie als Führungsfaktor

Ich würde mir wünschen, dass Führungskräfte das Thema ernst nehmen und ihre Empathie-Lücken aktiv suchen und bearbeiten. Optimal wäre, wenn die Unternehmenskultur ihre Führungsriege dabei unterstützt. Wenn es als Stigma gilt, “blinde Flecken” zu haben, guckt niemand gerne hin.
Mein Kollege Thomas Stelling hat mich darauf hingewiesen, dass bspw. die Firma Nycomed Empathie als einen ihrer drei zentralen Unternehmenswerte bezeichnet:

Courage, empathy, trust and motivation are our guiding values – whether we
work in cross-functional teams within Nycomed or in cooperation with partners.

(aus der Unternehmensbroschüre von Nycomed)

Organisationen brauchen Führungskräfte mit “High-Quality-Empathie-Fähigkeiten” wenn sie Wert legen auf

  • ein hohes Vertrauensniveau
  • intrinsisch hoch motivierte Mitarbeiter
  • eine aktive transparente Kommunikation
  • eine konsensorientierte Entscheidungsfindung
  • schnelle und effektive Klärung von Spannungen und Konflikten
  • starke Synergie in Arbeitsteams

Was tun als Führungskraft?

  1. Sich wiederholendes Feedback ernst nehmen
    Eine Mücke macht noch keinen Sommer, aber wenn ich zum fünften Mal höre, dass ich “dominant” wirke, dann kann es sein, dass ich mit einem unbewussten Verhaltensmuster (“Dominanz”) eigene Unsicherheiten, Ängste etc. zu überspielen versuche, ein Hinweis auf eine eventuelle Empathie-Lücke.
  2. Klare Situationen und Beobachtungen herausfinden
    Um die eigenen Empathie-Lücken zu lokalisieren ist genaues, konkretes Feedback wichtig. Unter Dominanz kann man sehr viele Verhaltensweisen verstehen. Aber wenn das Feedback ist, dass ich auf kritische Fragen laut werde und vehement reagiere – dann hilft mir das weiter, um herauszufinden, was in solchen Situationen in mir passiert. Die klare Beobachtung ist der Schlüssel, um die Empathie-Lücke zu finden und zu bearbeiten.
  3. Empathie – die Lösung liegt in uns
    Empathie-Lücken lassen sich nur durch Empathie auffüllen. Diese Empathie muss man sich entweder selbst geben (wenn man es gelernt hat) – oder von jemand Dritten dabei (zeitweise) unterstützt werden. Mit Empathie ist hier die Bewusstmachung all der Gedanken, Gefühle und damit verbundenen (meist unerfüllten) Bedürfnisse gemeint, die mit der ungelösten Situation verbunden sind. Da dies mit (unangenehmen) Gefühlen verbunden ist, haben viele Menschen die Tendenz, dem (zu schnell) auszuweichen – was das Auffüllen der Empathie-Lücke gerade verhindert.
  4. Eigene Gefühle und Bedürfnisse ernst nehmen
    Mit Selbst-Empathie zu beginnen ist ein wichtiger Schritt. Wie geht es mir am Arbeitsplatz? Wie geht es mir mit bestimmten Menschen dort? Welche Bedürfnisse sind erfüllt, weniger oder gar nicht erfüllt?
    Dieser Prozess der Innenschau kann unangenehm sein, weil er nicht sofort Lösungen anbietet. Beim Auffüllen der Empathie-Lücke geht es erst mal um einen inneren, emotionalen Prozess – die Veränderungen im Außen erfolgen danach ohne viel Überlegung, natürlicherweise und fast automatisch.  Das ist das Schöne an unserem Organismus, wenn wir spüren (!) welche Bedürfnisse unerfüllt sind, beschäftigt er sich sich automatisch damit, diese (besser) zu erfüllen.

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