Der Artikel „Der (Un-)Sinn von Rollenspielen in Ausbildungen für Gewaltfreie Kommunikation“ hat auf Facebook eine rege Diskussion ausgelöst. Dabei wurde  mir wieder deutlich, wie unterschiedlich das Verständnis von Empathie ist. Im Folgenden unterscheide ich fünf Definitionen von Empathie, die oft durcheinander geworfen werden – was natürlich zu Missverständnissen führt.

Dabei werde ich auch zeigen, was die besondere Form der Empathie ist, die Marshall Rosenberg entwickelt hat. Und ich werde kurz begründen, warum diese Form der Empathie in den typischen Rollenspielen in Ausbildungen zur Gewaltfreien Kommunikation nur unzureichend vermittelt wird.

Vereinfacht kann man folgende Definitionen unterscheiden, und zwar

Empathie als…

  • eine besondere Fähigkeit des Gehirns
  • eine spirituelle Ausrichtung bzw. moralischer Wert
  • eine Strategie um seine Bedürfnisse zu erfüllen
  • ein Bedürfnis
  • eine besondere Form der inneren Klärung und Verbindung mit Bedürfnissen, entwickelt von Marshall Rosenberg

Empathie als besondere Fähigkeit des Gehirns

Die Gehirnforschung hat in den letzten Jahrzehnten bestätigt, was sensible Menschen schon lange wissen. Wir Menschen sind im zwischenmenschlichen Bereich enorm sensibel und verbunden. Prof. Joachim Bauer beschreibt dies in seinem bekannten Buch „Warum ich fühle was du fühlst„. Ein gerne zitiertes Beispiel ist die Entdeckung der Spiegelneuronen, die an diesem Empathieprozess wohl beteiligt sind. Es ist also eine nun auch wissenschaftlich bestätigte Erfahrung, dass im menschlichen Gehirn die Fähigkeit zum Mitgefühl bzw. Empathie sozusagen „hardwaremäßig fest verdrahtet“ ist. Manchmal wird dabei noch die kognitive von der emotionalen Empathie unterschieden, oder Empathie von Mitgefühl oder Gefühlsansteckung abgegrenzt (s. diesen Artikel), das ist aber in diesem Kontext nicht entscheidend.

Wichtiger ist: Diese „Hardware-Empathie“ ist nicht per se gut oder wertvoll! Denn auch Betrüger und Gewalttäter sind empathisch, wenn es darum geht, ihr Opfer im Gespräch in (falscher) Sicherheit zu wiegen! In dem Buch“Mut zur Angst“ von Gavin de Becker wird dies eindrücklich beschrieben.

Empathie als eine spirituelle Ausrichtung bzw. moralischer Wert

Wer unter Empathie vor allem eine spirituelle Haltung oder einen moralischen Wert versteht, meint damit eine hohe menschliche Entwicklungsebene (s. Entwicklungsmodelle wie Spiral Dynamics o.a.) von gegenseitiger Rücksichtnahme und Ausrichtung auf das gemeinsame Wohl möglichst vieler Menschen.

„Ein Leben im Mitgefühl mit allem“ oder das Buddhistische Glaubensbekenntnis „Mögen alle Wesen glücklich sein“, drücken diese Haltung aus. Wenn man Empathie so versteht, ist es wichtig zu sehen, dass dieses Wertverständnis nicht einfach automatisch da ist – im Gegensatz zur Empathiefähigkeit des Gehirns. Kleinkinder haben zwar ein Gehirn, das „Hardware-Empathie“ besitzt, aber wie Elternerfahrung und die Forschung bestätigen, entwickelt sich die Werteentwicklung von Kindern über Egozentrik („nur ich bin wichtig“) zur Ethnozentrik („mein Stamm/Familie ist wichtig“) bis hin als Erwachsener zur – bestenfalls – Weltzentrik („alle Menschen sind wichtig“).

Empathie als spiritueller Wert ist also abhängig von der persönlichen und kulturellen Entwicklungsstufe – und keine biologische Notwendigkeit. Dies sieht man auch am Beispiel des empathischen Verbrechers oder an der schmerzlichen Einsicht, dass manchmal erst das Fressen kommt und dann die Moral.

Empathie als Handlung / Strategie um Bedürfnisse zu erfüllen

Hiermit ist – meist im Kontext der Gewaltfreien Kommunikation – gemeint, dass man im Gespräch aktiv auf die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse eines Erzählers eingeht, und diese in eigenen Worten wiedergibt. Das klingt dann ungefähr so: „Bist du ärgerlich, weil du denkst, dass du nicht ernst genommen wirst?“ Man kennt diese Formulierungen aus vielen Büchern zur Gewaltfreien Kommunikation, oft wird dies als „Giraffensprache“ beschrieben.

In diesem Sinne ist Empathie also eine Handlung, und wie jede Handlung dient sie dazu, ein Bedürfnis des „Empathie-Gebers“ zu erfüllen – nicht unbedingt das des „Empathie-Empfängers“ (außer er bitte konkret um Empathie).  Meiner Erfahrung nach herrscht viel Unklarheit darüber, dass diese Empathie eine Strategie für die Erfüllung des eigenen Bedürfnisses ist und nicht ein Gespräch automatisch gewaltfrei macht! Einer meiner Kollegen brachte das markant auf den Punkt: „Wenn man eine Information braucht, gibt es nichts Nervigeres, als dann Empathie zu bekommen!

Empathie als ein Bedürfnis

In diesem Sinne verwendet meint Empathie das Bedürfnis nach Verbundenheit. Wenn man unklar, aufgewühlt oder ärgerlich auf jemand ist, dann hat man den Kontakt zu sich oder dem Gegenüber verloren – dahinter steht das Bedürfnis nach Empathie.  Woran merkt man nun den Unterschied, ob Empathie als Bedürfnis oder als Strategie/Handlung gemeint ist?

Entscheidend ist, wo die Aufmerksamkeit der Person liegt, im Innen (Bedürfnis) oder im Außen (Strategie). Wenn jemand sagt: „Ich möchte, dass mich mein Chef/Kollege/Partner besser versteht, mir einmal zuhört“ o.ä. dann liegt die Aufmerksamkeit im Außen  –  mit Empathie ist eine Strategie gemeintWenn die Person dagegen am Nachspüren/Fühlen/Suchen ist, was an eigenen Gedanken, Gefühlen hoch kommt – dann liegt die Aufmerksamkeit im Innen und man ist mit dem Bedürfnis nach Empathie in Kontakt. Diese Unterscheidung: „Aufmerksamkeit im Inneren = Kontakt mit Bedürfnis“ versus „Aufmerksamkeit im Außen = Kontakt mit Strategien“ gilt natürlich für nicht nur für Empathie, sondern für alle Bedürfnisse.

Am Rande:  Dieser authentische gefühlte Kontakt mit Bedürfnissen macht den entscheidendenden Unterschied in Gesprächen aus – und nicht die Worte, die benutzt werden. Im Gegenteil: Die technische, unverbundene Verwendung der „GFK-Sprache“  ist der Hauptgrund, „warum Gewaltfreie Kommunikation nicht funktioniert„!

Empathie als eine besondere Form der inneren Klärung und Verbindung mit Bedürfnissen, entwickelt von Marshall Rosenberg

Dieses Verständnis von Empathie hat wesentlich Marshall Rosenberg durch seine Arbeit geprägt. In vielen Seminaren konnte ich erleben, wie er eine „Healing-Session“ oder „Transforming old pain“ (wie er es später nannte) durchführte. Dabei unterstützte er Menschen durch seine empathische Präsenz, eine emotional belastende Erfahrung oder alte Verletzungen zu verarbeiten und wieder in den Kontakt mit Bedürfnissen zu kommen – der „lebensdienlichen Energie in uns“ wie er Bedürfnisse auch nannte. Marshall hat dabei oft aus der Rolle des „Täters“ (Auslösers) heraus Empathie gegeben, was er als besonders hilfreich erlebt hat. Wir nenne diese Form „Stellvertreter-Empathie“ und zeigen sie bspw. in unserer Ausbildung zum empathischen Coach. Es ist wirklich eine besonders hilfreiche Form der Klärung innerer Konflikte und Verletzungen.

Auch die international bekannten Trainer Robert Gonzales und Susan Skye haben diese Form der Empathie, mit etwas unterschiedlichem Schwerpunkt, in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt. Robert nennt sie „Transforming pain to the beauty of needs“ (also etwa: Schmerzen transformieren in die Schönheit der Bedürfnisse). Susan geht dabei speziell auf traumatische Erfahrungen aus der Kindheit ein. Die Erfahrung der „Schönheit der Bedürfnisse“ bezeichnet dabei den körperlich spürbaren „shift“ von der harten Traurigkeit und Verletztheit hin zu einem „süßen Schmerz“ der Trauer und des Loslassens belastender Erfahrungen.

Empathie-Geben lernt man durch Empathie-Empfangen – nicht durch Rollenspiele

In der  NVC Trainerakademie meinen wir meist diese inneren Klärungsprozess, wenn wir von Empathie sprechen. Es ist also ein spezieller Weg, sich das Empathiebedürfnis zu erfüllen. Das Problem mit dieser Form der Empathie ist, dass es viel Selbst-Erfahrung damit braucht, sonst kann man diese nicht in der hilfreichen und notwendigen Tiefe geben. In unseren Ausbildungen sagen wir, dass man Empathie-Geben durch Empathie – Empfangen (von einer erfahrenen Person) lernt. Denn nur dann macht man eine authentische, innere Erfahrung davon.

Diese Empathie ist es, um auf den Ausgangspunkt dieses Themas zu kommen, die man nicht in den typischen Seminar-Rollenspielen erleben oder lernen kann. Das bestätigt meine Erfahrung in über 15 Jahren Erfahrung in Ausbildungen in Gewaltfreier Kommunikation. Die wesentlichen Gründe dafür sind:

  • In Rollenspielen ist die Zeit für für Empathie zu kurz – Marshalls und auch unsere Empathiesitzungen dauern 60-90 Minuten.
  • Rollenspiele halten die Aufmerksamkeit eher im Außen (beim Gespräch bzw. dem Gesprächspartner), statt im Inneren des Empathie-Empfängers (in der Empathie herrscht oft einfach Stille wenn man bei sich ist!)
  • Meist fehlt die Erfahrung des Empathie-Gebers (z.B. in Übungsgruppen von Anfängern, unerfahrenen Trainern etc.)

Da diese Empathie-Erfahrung die absolute Grundlage der Gewaltfreien Kommunikation ist, finde ich dies bedenklich. Nicht umsonst hat Marshall diese Empathie so in das Zentrum seiner Seminare gestellt. Viele erfahrene Trainer wie Robert Gonzales betonen die besondere Wichtigkeit der empathischen Arbeit an alten Verletzungen und schmerzlichen Glaubenssystemen. Denn diese liegen an der Wurzel der Gewalt in uns und ihre Transformation ist der Weg zur Integration einer gewaltfrei(er)en Haltung mit uns und anderen.

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