Kommunikations- und Persönlichkeitsentwicklung

Mittlerweile ist es eine Binsenweisheit, dass die wesentlichen Probleme im Privat- wie Berufsleben durch Kommunikation entstehen – und gelöst werden. Natürlich suchen Seminarteilnehmer daher Tipps und Tricks für eine schnelle Verbesserung – und leider funktioniert das nicht. Kommunikation ist Ausdruck der ganzen Persönlichkeit. In ihr spiegeln sich Charakter, Biographie und natürlich aktuelle, meist wenig bewusste Gefühle wider. Kommunikationsentwicklung muss daher Persönlichkeitsentwicklung sein, sonst bleiben die Veränderungsimpulse oberflächlich und wirkungslos. Die wichtigen Fragen sind: Was sind die Faktoren effektiver Persönlichkeitsentwicklung im Seminar, welche Rolle spielen Seminardesign, Inhalte, Methoden und die Trainerpersönlichkeit?

Was heißt Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeitsentwicklung ist ein komplexes Thema, aber im wesentlichen meine ich damit die Entwicklung von Selbstreflexion (Selbstbeobachtung) und die Erweiterung des Mitgefühls. Persönlichkeitsentwicklung ist moralische Entwicklung. Dabei beziehe ich mich auf anerkannte Entwicklungsforschung, wie bspw. die moralischen Stufen von Kohlberg oder die “9 Stufen zunehmenden Erfassens” von Susanne Cook-Greuter. Vereinfacht gesagt entwickeln sich Moral und Mitgefühl in wachsenden Kreisen der Perspektive, die jemand fähig ist einzunehmen:

  1. “Ich” (Egozentrisch)
  2. “Wir” (Soziozentrisch, umfasst das “Ich”)
  3. “Wir-alle” (Weltzentrisch, umfasst das “Wir” und “Ich”)

Jede Bewegung in Richtung Weltzentrisch bezeichne ich als positive Persönlichkeitsentwicklung, denn dabei wächst die Fähigkeit unterschiedliche Werte, Ansichten und  Perspektiven zu integrieren.

Wesentliche Bedingungen für Persönlichkeitsentwicklung sind:

  • Vertrauensvolle Beziehung
  • Emotionale Beteiligung
  • Modellhaftes Verhalten (Vorbild)
  • Ehrliche Rückmeldung
  • Zeit und Geduld

Im Grunde sind diese Faktoren aus einem anderen Kontext schon lange bekannt, der vielleicht zu nahe liegend ist, als dass man darauf kommt, nämlich aus der Kindererziehung. Jeder der Kinder hat, ist hautnah mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt und kennt die Voraussetzungen, die für eine gesunde emotionale Entwicklung notwendig sind.

Schulkonzept in der Erwachsenenbildung fehl am Platz

Diese Bedingungen sind, natürlich in angepasster Form, auch für die Persönlichkeitsentwicklung von Erwachsenen zutreffend, denn die zugrunde liegenden emotionalen/geistigen Prozesse sind identisch. Umso erstaunlicher, dass dies kaum Beachtung findet in Kommunikationsseminaren und der Ausbildung von Trainern. Im Gegenteil: Trainer, und die entsprechenden Trainerausbildungen, übernehmen meist den intellektuellen, emotional unberührten Frontalunterricht aus der Schule. Dieser wird höchstens noch etwas aufgelockert durch interaktive Übungen – denn kein geistig gesunder Erwachsener würde den Schulunterricht wohl noch mal erdulden. Diese Form ist bekanntermaßen wenig geeignet, um kognitives Wissen zu lehren, bei der Persönlichkeitsentwicklung versagt sie komplett. (Man möge mir verzeihen, wenn sich Lehrer ungerecht bewertet sehen – ich weiß, dass es auch viele positive Entwicklungen und Gegenbeispiele an Schulen gibt.)

Softskills sind harte Arbeit

Die Vorstellung, dass kognitive Wissensvermittlung für die Persönlichkeitsentwicklung ausreicht hat leider das Seminargeschäft geprägt. Dagegen spricht auch die aktuelle neurologische Forschung: Demnach sind menschliche Beziehung und emotionale Beteiligung das A und O für Lernen und Verhaltensänderung. Persönlichkeitsentwicklung mit Erwachsenen bedeutet daher: Gefühlsmäßige “Nach-Entwicklung” vernachlässigter Kindheitsanteile, emotionale Klärung alter Verletzungen, Arbeit an Schattenseiten, Glaubens- und Verhaltensmustern. Das alles ist normal und notwendig, und diese Tatsache muss endlich den ihr immer noch anhaftenden “weichgespülten Psychotouch” verlieren. Persönlichkeitsentwicklung ist alles andere als soft und wischi-waschi, sondern geht ans (emotional) Eingemachte – Softskills sind harte Arbeit!

Drei Faktoren der Persönlichkeitsentwicklung im Seminar

  • Die Zeitplanung und der Rhythmus
  • Die Inhalte und Methodik
  • Die Persönlichkeit des Trainers

Diese Rahmenbedingungen sind ausschlaggebend für den Umfang und die (mögliche) Tiefe der Persönlichkeitsentwicklung in einem Training. Im Rahmen dieses Artikels kann ich dazu nur kurze Anmerkungen machen, in späteren Artikeln werde ich dazu noch auf Details eingehen.

1. Die Zeitplanung und der Rhythmus

Der Zeitrahmen / Rhythmus hat einen ganz wesentlichen Einfluss auf das Seminar – der nicht überschätzt werden kann. In vielen Trainings bleibt schon allein durch die zeitlich Vorgaben für Übungen, Pausen etc. viel zu wenig Raum für das “Zu-sich-Kommen” und die Selbstreflexion der Teilnehmer. Da Teilnehmer natürlich auch nicht gleich zu den unangenehmen Themen schauen wollen, bzw. erst wenn sie sich damit sicher fühlen, braucht es vom Trainer einen sehr (!) entspannten Umgang mit Zeit und Struktur. Kurz gesagt: Weniger Struktur und mehr Zeit bringen mehr.

2. Die Inhalte und Methodik

Die Inhalte und Methodik gestalten natürlich entscheidend, was im Seminar passiert, ob es inhaltlich persönlich wird oder abstrakt bleibt. Es ist nicht hilfreich, eine Menge theoretischen Inputs unterzubringen. Das beschäftigt natürlich den “Kopf” und ist von den Teilnehmern gern gesehen, da sie dies aus der Schule kennen und mit “richtig Lernen” verwechseln. Die Gefahr dabei ist, dass dadurch zu wenig Raum für ungeplante, authentische Begegnung und emotionale Beteiligung im Seminar bleibt.

Wie gesagt: Die emotionale Berührung der Teilnehmer ist der entscheidende Faktor für Veränderung und Entwicklung. Der reich gefüllte (und benutzte) “Werkzeugkoffer” des Trainers verhindert daher viel häufiger Persönlichkeitsentwicklung, statt sie zu fördern. Auch hier gilt: Weniger ist mehr.

3. Die Persönlichkeit des Trainers

Die persönliche Reife des Trainers begrenzt, wie tief /weit die mögliche Entwicklung der Teilnehmer gehen kann. Die seelische/emotionale Tiefe, die der Trainer ansprechen und emotional (aus-)halten kann, setzt die Grenze der Entwicklung. Dieser Punkt ist natürlich ein schwieriges Thema, da man die Reife einer Persönlichkeit nicht einfach bestimmen kann – aber vermutlich wird niemand ernsthaft anzweifeln, dass es dabei Unterschiede gibt.

Sehr deutlich wird dies bspw. in unseren Seminaren, wenn es um das empathische Zuhören geht. Es kommt immer wieder vor, dass übende Teilnehmer bestimmte “heiße” Themen, die ihr Gegenüber anspricht, einfach “überhören” und nicht darauf eingehen. Dies sind natürlich oft Tabuthemen oder schmerzliche Erfahrungen und Gefühle. Dieses “Nicht-gehört-Werden” führt dann dazu, dass solche Themen unbewusst nicht mehr angesprochen werden und wieder im Halb- und Unbewussten verschwinden. Ähnliches passiert auch zwischen Trainern und Teilnehmern. Da hilft nur die persönliche Weiterentwicklung und Supervision des Trainers.

Der EasyTrainer – Persönlichkeitsentwicklung entspannt und effektiv

Ein erfahrener Trainer weiß, dass Persönlichkeitsentwicklung durch authentische Begegnung und emotionale Berührung geschieht – nicht durch Methoden, Theorien, Rollenspiele oder Powerpoint Präsentationen. Er wird also das meiste von dem, was in Seminaren üblich ist, weglassen. Sein Augenmerk liegt darauf, mit dem Prozess in der Gruppe entspannt wach und  präsent zu sein. Das sieht dann sehr einfach  aus – daher nenne ich dies etwas provokativ den EasyTrainer.

Der EasyTrainer arbeitet authentisch, intuitiv, prozessorientiert und  “nah” an seinen Teilnehmern. Er verzichtet auf Vorbereitung eines Seminars, bei ihm gibt es keine Zeitpläne für Übungen oder fest eingeplante Inputs. Er braucht keine Dutzende Tools in seinem Werkzeugkoffer, er vertraut darauf, dass er eine Methode in aller Tiefe persönlich integriert hat. Zum EasyTrainer wird man durch Verlernen der üblichen Seminarmethoden, die oft eher dazu dienen, keine Unruhe aufkommen zu lassen. Erst im Nachhinein habe ich bemerkt, wie viel ich aus meiner Schulerfahrung in meine Seminararbeit gebracht habe – nach dem Motto “Ruhige Schüler ist gleich guter Lehrer”.

Die Arbeit des EasyTrainers ist leicht- der Weg dahin nicht

Nur wenn der EasyTrainer einen guten Kontakt zu sich selbst hat, kann er seine  Teilnehmer in Kontakt mit sich selbst bringen. Nur wenn er ein hohes Maß an Selbstverantwortung lebt, kann er seine Teilnehmer in ihrer Selbstverantwortung unterstützen. Nur wenn er sich in realistischem Mitgefühl übt, kann er dies lebendig weitergeben.
Es war auch für mich eine große persönliche Herausforderung, im Seminar prozessorientiert mit Menschen zu arbeiten. Die innere Freiheit, vieles von dem wegzulassen was üblich ist, braucht Selbstvertrauen und Erfahrung – aber das persönliche Wachstum der Teilnehmer entschädigt mich für jeden Aufwand. 

Weitere Artikel für den Weg zum EasyTrainer folgen hier in diesem Blog. Ich freue mich über Kommentare und Fragen.

Ressourcen:

Moralische Stufen nach Kohlberg
Stufen zunehmenden Erfassens nach Cook-Greuter (PDF)

Bildquelle: Quelle: sassi  / pixelio.de

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