Empathie, die Fähigkeit zum “Mitempfinden”, ist die Grundlage und der soziale Klebstoff für den Zusammenhalt der menschlichen Gemeinschaft. Mit dem Begriff “Empathie-Lücke” hat US-Präsident Barack Obama dem Thema neue Aufmerksamkeit verschafft (s. Video). Obama bezeichnet Empathie als den wichtigsten Wert einer Gesellschaft.

Was heißt Empathie-Lücke?

Empathie meint die Fähigkeit, sich innerlich “in die Schuhe eines anderen stellen zu können” und so dessen Gefühle nachempfinden zu können. Empathie-Lücke bezeichnet das Fehlen bzw. eine geringe Ausprägung dieser Fähigkeit.

Empathie ist grundsätzlich eine angeborene Fähigkeit des Menschen, für die ausreichende Ausbildung von Empathie bei Kindern braucht es jedoch Anregung und Unterstützung durch ein entsprechendes Umfeld und Erziehung (Grundsatz: Erziehung durch Beziehung – nicht durch Strafen oder Belohnung). Verschiedene Studien legen den Zusammenhang nahe, dass gewaltbereite Menschen oft in wenig empathischen Umständen aufgewachsen sind, selbst Gewalt erfahren haben oder als Kinder emotional/seelisch vernachlässigt wurden. Steve Wineman bspw. zeigt dies in seinem Buch “Power Under – Trauma and Nonviolent Social Change” (kostenlos als Download hier erhältlich).

Wie zeigt sich eine Empathie-Lücke?

Empathie-Lücken zeigen sich, von offensichtlichen Fällen wie Gewalt einmal abgesehen, oft in stark abwertenden oder moralisierenden Äußerungen. Hier ein paar “O-Töne” aus meiner Arbeit:

  • Ein Lehrerin, die ihre Schüler ernsthaft als “asozial” bezeichnet hat eine Empathie-Lücke.
  • Eine Mutter, die ihr Kind abwertend mit “Du bis sowas von faul!” anschreit, hat eine Empathie-Lücke.
  • Eine Führungskraft, die ihre Mitarbeiter als “völlige Nieten” beschimpft, hat eine Empathie-Lücke.

Um nicht missverstanden zu werde: Eine Empathie-Lücke zu haben ist nicht “böse” oder ein menschlicher Mangel – wir alle haben in verschiedenen Bereichen unseres Lebens mehr oder weniger große Empathie-Lücken.

Eine Empathie-Lücke zu haben heißt einfach, dass mir aufgrund schmerzlicher Erfahrungen in meiner Biografie die Möglichkeit fehlt, bestimmte Verhaltensweisen auch emotional mitempfinden und so einen von Verständnis und Annahme geprägten Kontakt halten zu können. Und um auch hier Missverständnissen vorzubeugen: Empathie zeigen, bedeutet nicht, mit dem Verhalten des anderen einverstanden zu sein! Ich kann das Verhalten eines Menschen aus dessen Sichtweise heraus nachempfinden und gleichzeitig das Verhalten völlig ablehnen, z.B. weil es meinen Werten widerspricht, so zu handeln.

Eine Empathie-Lücke lässt sich nur durch Empathie füllen

Meine Erfahrung zeigt, dass eine Empathie-Lücke auch im Erwachsenen-Alter noch erfolgreich “aufgefüllt” werden kann. Dies geschieht durch eine empathische Klärung unverarbeiteter Erfahrungen, emotionaler Verletzungen und Traumatisierungen.

Die oben genannte Lehrerin, die ihre Schüler als “asozial” titulierte, hatte eigentlich Angst vor ihren Schülern. Sie hat in ihrer eigenen Schulzeit Erfahrungen von verbaler und körperlicher Gewalt gemacht und diese Verletzungen in ihren Beruf “mitgebracht”. Nachdem sie Zeit hatte, sich über ihre schmerzhaften Erfahrungen als Schülerin klar zu werden – und erkannte, dass damals ihre körperliche Sicherheit und ihre Integrität als Mensch in Gefahr waren – konnte sie diese Erfahrung von den aktuellen Erlebnissen mit ihren Schülerinnen trennen.

Sie wurde offen für die Vorstellung, dass das “asoziale” Verhalten ihrer Schüler mit deren Frustration und Unsicherheit zu tun hat – und nicht mit ihr als Lehrerin. Sie nahm das Verhalten der Schüler nicht mehr so persönlich gegen sich gerichtet. Die Lehrerin konnte mit dieser, durch eine empathische Unterstützung gewonnen Offenheit das Gespräch mit ihren Schülern suchen und hat dabei einige neue Erfahrungen gemacht – plötzlich wurden die Schüler sehr viel “verständnisvoller” und “offener”, wie sie erzählte.

Die erwähnte Führungskraft, die ihre Mitarbeiter als “völlige Nieten” bezeichnet hat, stand kurz vor dem Burn-Out, war überfordert mit den Anforderungen und konnte sich aufgrund einiger Kindheitserfahrungen nicht genügend vor den dauernden “Wünschen” ihrer Vorgesetzten abgrenzen. Sie konnte durch eine empathische Begleitung zum ersten Mal spüren wie erschöpft sie ist in ihrer Arbeit, wie sehr sie unter Druck steht.

Die Wünsche ihrer Vorgesetzten kamen bei ihr – aufgrund einiger Erfahrungen mit ihren Eltern – nicht als Wünsche, sondern als vehemente Forderungen an. Weil sie Angst hatte, dafür (wieder) bewertet zu werden und die Akzeptanz und Anerkennung zu verlieren, traute sie sich nicht, über ein “Nein” zu diesen Wünschen auch nur nachzudenken. Das Auffüllen der Empathie-Lücke führte auch hier zu einer Trennung von früherer und aktueller Erfahrung und ermöglichte ihr, die Wünsche ihrer Vorgesetzten wieder “lockerer” zu sehen, zu hinterfragen und öfter auch mal “Nein” zu sagen.

Und die Mutter? Probiert es doch selbst einmal, sich innerlich hineinzudenken – was könnte die Geschichte und Erfahrung dahinter sein, die die Mutter zu einer derartigen Aussage über ihr Kind bringt?

Die Empathie-Lücke schließen – yes you can :o)

Die Fähigkeit, Menschen empathisch zu verstehen, d.h. ein emotionales Verständnis zu entwickeln ohne die eigene Sichtweise und Interessen aufzugeben, ist entscheidend für das Gelingen jeder menschlichen Beziehung – gleich ob privat oder beruflich. Da wir alle, wie gesagt, mehr oder minder große Empathie-Lücken haben, bleibt es nicht aus, dass wir immer mal wieder mit der Nase darauf gestoßen werden, dort hinzugucken, z.B. durch

  • sich wiederholende Konfliktmuster
  • Sätze oder Erlebnisse, über die man sich dauerhaft und heftig ärgert
  • Sätze oder Erlebnisse, die Verletzung, Scham oder Schuld auslösen
  • sich wiederholendes Feedback über ein “auffälliges” Verhalten
  • länger andauernde belastende emotionale Zustände wie Depression, Kummer, Unruhe u.ä.
  • manche körperliche Symptome mit unklarer Ursache trotz medizinischer Abklärung.

Es gibt verschiedene Wege, innere Klarheit über die zugrundeliegenden Erfahrungen, Gefühle und Bedürfnisse zu finden. Der Weg, der mir am meisten geholfen hat, führte über eine Kombination aus Gewaltfreier Kommunikation nach Dr. Marshall Rosenberg und Focusing nach Eugene Gendlin. Es ist meiner Erfahrung nach sehr hilfreich, sich zumindest die erste Zeit (mind. ein Jahr) dabei durch jemand begleiten zu lassen, der schon ein paar Jährchen Selbsterfahrung damit gemacht hat.

Mehr Literatur zum Thema gibt auf unserer Homepage.

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